Der große schwarze Vogel

Nach dem plötzlichen Herztod der Mutter ist für Ben, seinen kleinen Bruder Krümel und seinen Vater nichts mehr wie zuvor. Wie mit dem Verlust umgehen, der Erinnerung, den Blicken der anderen, dem Leben danach?

Autorin:
Stefanie Höfler

Herausgegeben:
Beltz & Gelberg 2018

Seitenanzahl:
182 Seiten

Preis:
ca. € 14,40.-

Alter:
ab 12 Jahren

Themen:
Tod | Trauer | Familie

"Der Tod ist wie ein Flügelschlag, hatte Ma einmal gesagt. Sie liebte solche Sprüche. Wie der Flügelschlag von einem großen schwarzen Vogel, der vorbeifliegt, und sein Schatten fällt kurz auf den, der zufällig darunter sitzt, und etwas länger auf diejenigen, die vielleicht gerade drum herum sind. Als hätte sie es geahnt, oder?“

An einem Sonntag frühmorgens fällt der kurze Schatten auf Bens Mutter, die völlig unerwartet stirbt. Länger unter diesem Schatten werden, das macht schon das Zitat klar, der 12-jährige Ich-Erzähler Ben, sein kleiner Bruder Krümel und sein Vater leben.

Stefanie Höfler erzählt in berührender Sprache, einer klugen Dramaturgie und mit einem feinen kontextualen Netz (das titelgebende Lied von Ludwig Hirsch, zwei Gedichte von Rose Ausländer, die Benennungen des kleineren Bruders u.a.) darüber, wie man mit einem so gewaltigen und gewalttätigen Einbruch in das Leben weiterleben kann.

Sie zeigt einen Vater, der in seiner eigenen Trauer aufgeht und seine Söhne nicht mehr wahrnimmt, einen jüngeren Bruder, der offen, offensiv und konstruktiv mit dem Tod der Mutter umgeht. Und im Mittelpunkt Ben. Der sich einerseits an seine Mutter, eine durchaus ambivalente Figur, erinnert – diese Erinnerungen sind beginnend mit der „ersten Erinnerung überhaupt“ als kurze, kursiv gesetzte Kapitel jeweils überschrieben mit „Davor“ in den Fließtext des „Jetzt“ eingeschoben. In diesem Erzählstrang, der über sechs Tage läuft und nach Halbtagen gegliedert ist, sind wir nah an Bens Leben dran, an den organisatorischen Dingen, an der Konfrontation mit den Blicken der anderen, an der Reaktion des besten Freundes, der MitschülerInnen, eines Mädchens, das mit dem Tod scheinbar Erfahrung hat. Ab der Mitte des Buches werden die Erinnerungen des „Davor“ von kurzen Texten über das „Danach“ abgelöst, Ausblicke in das erste Jahr des Lebens ohne Mutter. Das Leben muss schließlich weitergehen.

Nach „Mein Sommer mit Mucks“ und „Tanz der Tiefseequalle“ ein weiterer außerordentlicher Text von Stefanie Höfler.


Text und Empfehlung: Institut für Jugendliteratur