Studie: Jugendliche haben ein ambivalentes Verhältnis zu Social Media

Erst gute Laune, dann schlechtes Gewissen – so beschreiben viele Jugendliche das Scrollen durch ihre Social-Media-Feeds in der JIMplus-Studie.

Studien
Ein männlicher und ein weiblicher Teenager sitzen nebeneinander auf einem braunen Ledersofa, dazwischen liegt schlafend ein kleiner, schwarzer Hund. Beide Jugendliche schauen auf Smartphones, die sie in ihren Händen halten.
Soziale Netzwerke sind für Jugendliche ein wichtiger Zugang zu Wissen und ein Ort, wo sie sich verstanden fühlen, aber auch eine zeitfressende Ablenkung.

72 Prozent der befragten Jugendlichen geben an, dass Social Media sie von Dingen ablenkt, die sie eigentlich tun sollten und 55 Prozent berichten, dass ihnen dadurch Zeit für Erholung und Freizeitaktivitäten fehlt. Die häufigste Nebenwirkung des Dauerscrollens: eine spürbare Verringerung der Konzentrationsfähigkeit (40%). Auf der anderen Seite bieten die Plattformen für 82 Prozent einen wichtigen Zugang zu Wissen und etwa die Hälfte berichtet, sich dort verstanden zu fühlen.

Für die neue JIMplus-Studie 2026 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) wurden 800 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren in Deutschland befragt. Die Ergebnisse zeigen, wie sie die Chancen und Belastungen digitaler Medien erleben und welche Auswirkungen dies auf ihr digitales Wohlbefinden hat.

Social Media als Wechselbad der Gefühle

Die Nutzung von Social-Media-Plattformen ist derzeit die verbreitetste Online-Aktivität unter Jugendlichen. Gleichzeitig fällt die Bewertung im Vergleich deutlich ambivalenter aus: Während etwa Musikhören überwiegend mit positiven Gefühlen verbunden ist und auch häufig als Strategie zum Umgang mit Belastungen genutzt wird, erleben Jugendliche Social Media als ständiges Wechselspiel zwischen positiven Erlebnissen und belastenden Erfahrungen. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Mädchen: Sie nutzen soziale Netzwerke häufiger als Jungen, berichten zugleich aber auch häufiger von Vergleichsdruck und geben deutlich öfter an, sich im eigenen Körper unwohl zu fühlen.

Problematische Inhalte sind Teil der Lebenswelt

In den sozialen Medien mit problematischen Inhalten konfrontiert zu werden, ist für die meisten Jugendlichen nichts Ungewöhnliches. Am häufigsten begegnen sie Fake News (71%), extremen politischen oder religiösen Inhalten (43%) sowie Hate Speech (40%). Als besonders belastend werden ungewollte Nacktbilder (“Dickpics”), Mobbing, drastische Gewaltdarstellungen sowie Inhalte wahrgenommen, die Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten verharmlosen. Die meisten Jugendlichen reagieren auf solche Inhalte, indem sie weiterscrollen und rund ein Drittel gibt an, sich an die vielen problematischen Inhalte auf Social Media gewöhnt zu haben. Nur etwa ein Viertel meldet problematische Beiträge den Plattformen.

Im Vergleich zu anderen Social-Media-Plattformen werden zehn der 13 erfragten Arten problematischer Inhalte am häufigsten mit TikTok in Verbindung gebracht. Dennoch ist TikTok auf Platz 2 der Dienste, die die Jugendlichen am meisten vermissen würden (bei Mädchen sogar auf Platz eins). Zudem weist TikTok mit 13 Prozent den höchsten Anteil an sehr intensiven Nutzer:innen (>3 Stunden/Tag) auf.

Freund:innen und Familie sind wichtig

Soziale Beziehungen spielen für das persönliche Wohlbefinden eine zentrale Rolle. Die höchste Zufriedenheit erleben Jugendliche bei Aktivitäten mit Freund:innen. Auch eine starke familiäre Einbindung geht mit einem höheren Wohlbefinden einher. Bei Sorgen und Belastungen greifen Jugendliche neben Musik vor allem auf Gespräche mit vertrauten Personen zurück. Der Austausch mit KI-Chatbots spielt bei den Befragten nur eine untergeordnete Rolle: 12 Prozent der Jugendlichen nutzen diese Option, wenn sie etwas belastet.

Ambivalentes Verhältnis zu Social-Media-Verbot

Jugendliche sind sich der Schattenseiten von sozialen Medien also durchaus bewusst. 47 Prozent der Befragten beneiden jene Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind – eine Aussage, der Mädchen (52%) deutlich häufiger zustimmen als Jungen (42%). Auch beim Thema Social-Media-Altersgrenzen zeigt sich eine differenzierte Haltung: Über die Hälfte steht einem Verbot skeptisch gegenüber, da sie dessen Wirksamkeit bezweifeln. Gleichzeitig sind 43 Prozent der Meinung, dass Social Media für alle unter einem bestimmten Alter verboten sein sollte. Besonders bezeichnend: Die Mehrheit der Plattformnutzenden empfiehlt rückblickend ein höheres Einstiegsalter, als sie es selbst bei der ersten Nutzung hatten. Im Kontext der aktuellen Verbotsdebatte sehen weniger als zehn Prozent die Perspektive von Jugendlichen als ausreichend berücksichtigt.


Über die Studie

Die Studienreihe JIM (Jugend, Information, Medien) wird vom Medienpädagogischen  Forschungsverbund Südwest (mpfs) seit 1998 jährlich durchgeführt. Die JIMplus-Studie 2026 ist eine ergänzende Sonderstudie zum digitalen Wohlbefinden von 14- bis 17-Jährigen. Dazu dokumentierten in einem ersten, qualitativen Schritt 33 Jugendliche ihren digitalen Alltag mittels Online-Tagebuch, anschließend nahmen 20 von ihnen an einem Online-Einzelinterview teil. In einem zweiten Schritt wurde mit 800 Jugendlichen im Mai 2026 eine repräsentative Online-Umfrage durchgeführt. Alle Ausgaben der JIM-Studie seit 1998 sind als PDF unter www.mpfs.de abrufbar.