Algorithmen, die die Musikwelt verändern

Musik war noch nie so leicht verfügbar wie heute. Grund dafür sind Musikstreaming-Apps wie Spotify, das heuer 20-jähriges Jubiläum feiert. Über 100 Millionen Songs verschiedenster Genres werden dort eigenen Angaben zufolge geboten. Eine solche Fülle wäre zu Zeiten von CDs oder Schallplatten undenkbar gewesen. Doch Musikstreaming verändert nicht nur, wie wir Musik hören, sondern auch die Musik selbst.
Streaming als Antwort auf Piraterie

Mit dem Internet und MP3-Playern wie dem iPod kam Anfang der 2000er-Jahre auch die Musikpiraterie. Über Dienste wie Napster, Pirate Bay und LimeWire wurden Songs millionenfach illegal heruntergeladen – sehr zum Ärger der Plattenfirmen. 2006 bot der Schwede Daniel Ek eine Lösung: Spotify, eine Musikstreaming-Plattform als legale und bequeme Alternative zur Piraterie.
Nach Verhandlungen mit den drei weltweit größten Plattenfirmen - Universal, Sony und Warner - ging Spotify im Oktober 2008 an den Start (in Österreich im November 2011). Der Plan ging auf: Heute führt Spotify mit rund 777 Millionen aktiven Nutzer:innen, davon etwa 300 Millionen zahlende Abonnent:innen, den Markt an – vor Apple Music, Amazon Music, Deezer und Co.
Playlists und Algorithmen
Mittlerweile ist es selbstverständlich geworden, jeden Song in Sekunden auf dem Smartphone abspielen zu können. Um bei diesem Überfluss die Auswahl zu erleichtern, bietet Spotify kuratierte Playlisten und Empfehlungen. Ob Party, Sport, Kochen, Konzentration oder Entspannung – für jede Stimmung und Aktivität wird passende Musik geboten. Streamingplattformen rücken damit den funktionalen Nutzen von Musik in den Fokus. Wer den abgespielten Song performt, rückt eher in den Hintergrund.
Empfehlungsalgorithmen helfen ebenfalls die Masse an Songs individuell zu sortieren. Ähnlich wie bei Social-Media-Feeds entscheiden sie, welche Inhalte uns prominent vorgeschlagen werden und welche nicht. Dazu verwenden sie nicht nur Nutzer:innen-Daten, sondern auch Informationen aus den Songs und über die Künstler:innen.
Doch Algorithmen tendieren bekanntermaßen dazu, bestehende Vorurteile zu reproduzieren. Kritiker:innen warnen, dass vorwiegend jene Songs und Interpret:innen empfohlen werden, die bereits populär sind, weil es dazu viele Daten gibt. Andere fürchten, dass Playlisten und Empfehlungen unsere musikalische Entdeckungslust schmälern. Gleichzeitig ist es für Musiker:innen durch Streamingplattformen auch deutlich einfacher geworden, die eigene Musik einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Früher entschieden vor allem die Plattenfirmen, wer eine Chance dazu erhält und wer nicht.
Musik für die Streams
Auch soziale Medien beeinflussen die Musik. Ob ein Song in Kurzvideos viral geht, kann maßgeblich über dessen Erfolg entscheiden. Deshalb setzen viele Songs auf besonders eingängige Motive (“Hooks”), setzen den Refrain direkt an den Anfang oder bauen gezielt auf einen viralen Höhepunkt hin (siehe Beispiel). Im Idealfall fesselt die Musik die Hörer:innen von Anfang an, denn sowohl in sozialen Medien als auch beim Streaming ist Aufmerksamkeit die wichtigste Währung.
Spotify bezahlt den Musikschaffenden etwa 0,3 Cent pro Stream. Ein Stream zählt jedoch erst, wenn der Song mindestens 30 Sekunden lang läuft. Diese Aufmerksamkeitsökonomie hat die Musik verändert: Lange Intros sind eher selten geworden und Songs wurden im Durchschnitt generell kürzer, um weniger übersprungen und öfter wiederholt zu werden.
Auch die Songtexte haben sich dem angepasst. Bei einer Analyse von über 353.000 Songtexten der letzten 50 Jahre stellten Forscher:innen fest, dass Wortschatz, Lesbarkeit und Komplexität der Lyrics simpler wurden (vgl. Parada-Cabaleiro et al., 2024 & Varnum MEW et al., 2021). Textzeilen werden öfter wiederholt. Zudem werden mehr persönliche Pronomen verwendet und häufiger negative Emotion ausgedrückt. All das macht Songs einprägsamer und sorgt für intensive emotionale Erregung. Zusammengefasst: Kurze, ausdrucksstarke Songs mit eingängigen Texten und Motiven, die mehrfach angehört, abgespeichert und selten übersprungen werden, werden von den Empfehlungsalgorithmen klar belohnt.
In den letzten 20 Jahren haben Spotify und Co. die Musikwelt nachhaltig geprägt. Umso wichtiger ist es, die Mechanismen dahinter zu verstehen, um beim Musikkonsum bewusste Entscheidungen treffen zu können. Denn wie fair Streaming für die Musikschaffenden ist, thematisieren wir bald in einem weiteren Artikel.
Erwähnte Studien bzw. Reports:
Für diesen Artikel wurden folgende Studien bzw. Reports verwendet:
- From Vinyl Records to Algorithms: How Streaming and AI are Changing the Music World (Kmetiuk T. et al., International Journal on Culture, History, and Religion, 2025)
- Streaming's Effects on Music Culture: Old Anxieties and News Simplifications (Hesmondhalgh D., University of Leeds, 2021)
- Why are song lyrics becoming simpler? a time series analysis of lyrical complexity in six decades of American popular music (Varnum MEW et al., PLoS ONE, 2021)
- Song lyrics have become simpler and more repetitive over the last five decades (Parada-Cabaleiro E. et al., Sci Rep, 2024)