"Feindbild Frau": Beleidigt, bedroht, verdrängt im Netz

Autorin Ingrid Brodnig über Hintergründe von Frauenhass in Sozialen Medien und Strategien zur Gegenwehr

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In "Feindbild Frau" beschäftigt sich Ingrid Brodnig mit der Funktion von Frauenhass im Internet und Sozialen Medien.

“Wir leben in einer Zeit, in der digitale Gewalt vielfach gegen Frauen eingesetzt wird – und bereits negative Konsequenzen hat. Denn diese Form der Gewalt führt dazu, dass Menschen, oft Frauen, aus der Öffentlichkeit vertrieben werden. Oder dass sie eben zwei Mal überlegen, ob sie zu manchen Themen noch öffentlich Stellung beziehen wollen, nachdem sie bedrohliche, beleidigende, sexuell herabwürdigende Kommentare erhalten haben. Diese digitale Gewalt schadet uns allen”, mit diesen Worten eröffnet die österreichische Digitalexpertin Ingrid Brodnig ihr neuestes Buch “Feindbild Frau”, in dem sie sich besonders mit den konkreten Auswirkungen von Hass im Netz auseinandersetzt.

Damit liefert sie auch eine wichtige Perspektive auf unsere Lehrer:innen-Web-Reihe über toxische Männlichkeit und Frauenhass im Internet und Sozialen Medien, die uns bisher von den Auswirkungen der Vermittlung veralteter Rollenbilder auf junge Burschen bis in die Untiefen der sogenannten Manosphere geführt hat. Denn Brodnig widmet sich in ihrem gewohnt akribisch recherchierten Werk der dahinterliegenden Systematik und Agenda, die digitaler Gewalt zugrunde liegt.

Politiker:innen als prominenteste Ziele

Wie verbreitet gezielte digitale Attacken sind, zeichnet das Buch anhand von drastischen Erfahrungsberichten Dutzender deutscher und österreichischer Abgeordneter und hochrangiger Politikerinnen nach - für die Auftritte in öffentlichen und damit oft auch digitalen Räumen Teil des Berufsbilds sind. “Es ist wichtig zu verstehen: Digitale Gewalt betrifft alle Geschlechter. Untersucht man die allgemeine Betroffenheit von diesem Phänomen, geben zum Beispiel Männer und Frauen oft - grob betrachtet - vergleichbare Betroffenheit an. Beziehungsweise beziffern manche Umfragen, dass Männer allgemein gesehen etwas mehr betroffen sind. Nur zeigt sich bei noch näherer Betrachtung, dass bei Frauen die digitale Gewalt häufig unter die Gürtellinie geht, also sexualisiert ist, und besonders einschüchternd wirkt”, hält dazu die Autorin fest.

Dabei macht Brodnig zusammenfassend zehn Kategorien geschlechterspezifischer Beleidigungen gegenüber Frauen fest, die von Attacken gegen das Äußere über das Absprechen von Kompetenz und Intellekt bzw. Verniedlichung bis hin zu Gewaltdrohungen und Gewaltwünschen mit sexueller Komponente reichen. Proponenten der Manosphere sind bei diesen Angriffen bis hin zu regelrechten Online-Kampagnen oft in vorderster Reihe, allerdings bleiben sie nicht nur auf sie beschränkt. Denn gerade in digitalen Räumen werden besonders wortradikale und polarisierende Meinungen zunehmend belohnt und gepusht - Stichwort Kaninchenbau der Algorithmen -, wodurch sie allein zur Erzielung von höherer Reichweite schlicht von Vorteil sein können.

Handlungsstrategien und nützliche Hinweise

Wie auch bereits bei Brodnigs letzten Büchern zeichnet “Feindbild Frauen” eine Fülle von praktischen Anregungen aus, die Handlungsstrategien einerseits für Opfer von digitalen Hasskampagnen, aber auch davon angewiderten Beobachter:innen, darstellen können. So führt sie etwa ins "Buddy-System" ein, bei dem vertraute Personen für eine gewisse Zeit die Social-Media-Kanäle von gerade Hass ausgesetzten Menschen übernehmen und quasi kuratieren. 

Bei aller klar ausgedrückten Kritik an der oft sehr laschen und zweifelhaften Vorgehensweise großer Internet-Plattformen empfiehlt sie zudem auch dennoch das Melden von grenzüberschreitenden und verbal ausfälligen Kommentaren und Posts - hier können auch einzelne User:innen durchaus ihren Beitrag liefern.

Trusted Flagger und juristische Einblicke

Unterstützung bieten dabei auch sogenannte Trusted Flagger, also besondere Organisationen, die Expertise im Umgang mit bestimmten rechtswidrigen Inhalten mitbringen und deren Meldungen von Online-Plattformen auch bevorzugt behandelt werden müssen. In Österreich sind dies etwa die Kinder- und Jugend-Hotline Rat auf Draht, aber auch die Antidiskriminierungs-Stelle ZARA mit einer eigenen Online-Beratung bei Hass im Netz. Eine vollständige Liste findet sich auch unter diesem Link.

Ein Anhang mit einem Überblick über bestehende Gesetze und mögliche Straftatbestände in Österreich und Deutschland rundet das Buch ab und macht es zu einem wichtigen Nachschlagewerk bei allen Aspekten von digitaler Gewalt.


Ingrid Brodnig “Feindbild Frau”
Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können
208 Seiten
Brandstätter Verlag, 2026


Empfehlung: Blog und Newsletter

Für alle, die an Themen rund um dieses Buch sowie auch neuen Studien und Entwicklungen in Sozialen Medien, bei Künstlicher Intelligenz und generell in digitalen Räumen interessiert sind, ist der Blog der Autorin ebenso zu empfehlen wie ihr zweiwöchentlicher Newsletter.