Toxische Männlichkeit im Unterricht kontern - Teil 1
Die Konfrontation mit veralteten männlichen Rollenbildern mit dominantem, zur Aggression und Gewalt neigendem Auftreten ist (vor allem auch) für Burschen und junge Männer Alltag, wenn sie sich im digitalen Raum bewegen - egal ob sie diese Inhalte aktiv suchen oder auch nicht. Andererseits sind Mädchen und Frauen oft Zielscheibe von Misogynie und Sexismus.
Daher wollen wir hier erste Anregungen dafür geben, wie entsprechende Inhalte im Unterricht gemeinsam mit den Schüler:innen behandelt werden könnten, um einerseits für das Thema zu sensibilisieren, dahinterstehende Mechanismen und Muster zu erkennen und in einem kritischen Umgang vielleicht auch zu durchbrechen.
Weitere Hintergrundinformationen, wissenschaftliche Einschätzungen und Hinweise zu auf dieses Thema spezialisierte Einrichtungen finden Sie auch in den ersten drei Artikeln dieser Reihe “Boys in the Digital Wild: Männlichkeit im Internet”, “Medienheld:innen im Sog der Manosphere” und “'Feindbild Frau': Beleidigt, bedroht, verdrängt im Netz”.
Eigene Erfahrungen und Erleben reflektieren
Für einen Einstieg würde sich etwa anbieten, das eigene Erfahren, die eigenen Erlebnisse im digitalen Raum gemeinsam mit den Schüler:innen zu reflektieren. Begegnen sie toxischen Männlichkeitsbildern, die sexistische und/oder misogyne Inhalte vertreten? Wie wirken diese auf sie? Werden sie dadurch belastet? Welchen Umgang haben sie damit gefunden?
Dabei handelt es sich klarerweise um einen sehr sensiblen Bereich, der tief in die Privatsphäre hineingeht und auch belastend sein kann. Dementsprechend vorsichtig und eng pädagogisch begleitet sollte damit verfahren werden. Im Idealfall lässt sich durch eigenes Erleben aber an unsere vorgestellten Anregungen anknüpfen und ein gemeinsamer Austausch darüber hergestellt werden.
Mit "Hacking the Manosphere" decodieren
Für die praktische Behandlung von Inhalten toxischer Männlichkeit in Sozialen Medien bieten sich als unterstützende Materialien jene des deutschen Deradikalisierungs-Projektes Myke hervorragend an. Zum Hintergrund: Das Projekt wurde 2024 von onlinetheater.live, einem Zusammenschluss von Theater-, Medien- und Kunstschaffenden, das seit 2016 Projekte auf Sozialen Netzwerken, in Apps und auf selbst entwickelten Websites durchführt, ins Leben gerufen.
Unter anderem ist diese Gruppe auch für die Lern-App “Loulu” (genauer Testbericht unter diesem Link) verantwortlich. Für “Myke” produzierten Mitglieder gezielt Videos für TikTok, die eine Gegenerzählung zu toxischen Inhalten anbieten sollten. Zielgruppe waren dabei 18-24 Jahre alte Männer, die sich am Beginn eines Radikalisierungsprozesses befinden. Mehr Infos dazu gibt es etwa auch im Doku-Hörspiel “Hacking the Manosphere”. In Teilen bietet sich dieses auch zur Unterstützung des Unterrichts an (dazu unten mehr).
Der "große Bruder" redet von Feminismus
Mit am Ende drei Accounts (im Versuchsstadium gab es mehr) wurden Videos erstellt, die Themen aufgriffen, die normalerweise sehr stark von Vertretern der Manosphere besetzt sind. In Stil und Ansprache ähnelten sie diesem Content sehr stark, brachen ihn dann aber bewusst und machten alternative Angebote. Zudem wurde auch mit jenen interagiert, die sich über die Kommentare meldeten.
Zur Decodierung von Manosphere Inhalten bietet sich vor allem der Account @alex.new.mindset an. Bei ihm handelt es sich um “eine Figur zwischen Coach und großer Bruder. Er ist im Close Up zu sehen, blickt in die Kamera und spricht direkt zu den Menschen in seinem Publikum, die er ‘Bros’ nennt. In den Videos ist seine Stimme oft herausfordernd und vehement”. Mit diesem Auftreten wendet es sich dann aber klar gegen Anti-Feminismus, wirbt für das Zeigen von Gefühlen und ein aktives Miteinander.
"Die Wahrheit über Frauen"
Eines oder mehrere Videos von diesem Alias könnten als Grundlage zu einer Diskussion gemeinsam mit den Schüler:innen dienen. Mögliche Fragen wollen wir exemplarisch anhand von diesem Clip entwickeln:
@alex.new.mindset Realtalk, Bros. Wir müssen den Facts ins Gesicht sehen. Welche Vorurteile kennt ihr noch, die eigentlich falsch sind? #real♬ Beat - beaty
Neben der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit diesem Video ("Was fällt auch bei diesem Clip auf?", "Welche Inhalte beschäftigen euch?") könnten zur Vertiefung noch folgende Fragen förderlich sein:
- Erkennt ihr einen Widerspruch zwischen dem Titel des Clips “Die Wahrheit über Frauen” und dem tatsächlichen Inhalt? Woran könnte das liegen? Was wird damit bezweckt?
- Habt ihr ähnlich produzierte Videos bereits selbst auf digitalen Plattformen gesehen? Wodurch unterschieden sie sich in Form/Inhalt, wo waren sie gleich/ähnlich?
Ähnlich aufgebaute Videos sind auf diesem TikTok-Kanal auch “Die Wahrheit über Männer” und “Was Frauen wirklich denken”.
Hinweis: Bei all diesen Clips wird teils auf sehr ausdrucksstarke Sprache zurückgegriffen und es werden auch sehr sensible Themen behandelt (wie etwa in “Männer werden unterdrückt”, in dem auf erhöhte Suizid-Raten unter Männern verwiesen wird). Damit werden wichtige Aspekte rund um die Manosphere beleuchtet, dieser Problematik sollten sich Lehrpersonen vor dem gemeinsamen Anschauen allerdings jedenfalls bewusst sein.
Get off "The Hook"
Als einzelnes Detail könnte zudem auch noch ein spezielles, in all diesen Videos eingesetztes Stilmittel thematisiert werden, vor allem auch, weil es auf TikTok und anderen Kurzvideo-Plattformen sehr gezielt zur User:innen-Gewinnung verwendet wird. Dabei handelt es sich um den eigentlich aus der Musikbranche kommenden Begriff der “Hookline”/des “Hooks”.
Diese/Dieser soll Nutzer:innen unter dem Einsatz von verschiedenen Mitteln (Inhalt, Sprache, Musik) immer tiefer in den eigenen Content hineinziehen. Besonders eindrücklich wird dies in bereits oben erwähntem Doku-Hörspiel “Hacking the Manosphere” ab Minute 15:41 (bis ca. Minute 18:25) behandelt. Dieser kurze Ausschnitt kann entweder gemeinsam im Unterricht besprochen oder auch selbst zur Vorbereitung benutzt werden.
Wirkung von Filmmusik
Da in diesen Clips oft auch Musik als Spannung förderndes Stilmittel eingesetzt wird, könnte ebenso dieses Detail genauer untersucht werden. Dafür geben unsere beiden Praxis-Ideen Wirkung von Filmmusik (Sek 1, Sek 2) und Einen Film vertonen (Sek 1, Sek 2) Hintergrundinformationen und Anregungen.
Eigenen Content überlegen und produzieren
Als eigenes Medienprojekt könnte in Gruppen - basierend auf den Diskussionen über die Videos - auch die Produktion von eigenem Content für Social Media konzipiert und vielleicht sogar umgesetzt werden. Dafür sollten bestimmte Themenbereiche wie Rollenbilder, toxische Männlichkeit, Sexismus abgesteckt, oder bewusst auch ein sehr großer Spielraum gegeben werden. Welches Format (Text, Bild, Video) dieser Content haben sollte und auf welcher Plattform er zum Einsatz kommt, wären ebenfalls wichtige Überlegungen vorab.
Unter Umständen eignen sich die Ergebnisse auch für den vom Bundesministerium Bildung ins Leben gerufenen Videowettbewerb #Männersache, an dem sich vom 9. April bis 15. Juni Schulen ab der 7. Schulstufe beteiligen können. Neben einigen Sachpreisen winkt dafür auch die Ausstrahlung des eigenen Clips im öffentlichen und privaten Fernsehen.
"Stark - Aber wie?" zur gezielten Jungenarbeit
Für die Beschäftigung mit männlicher Identität im Unterricht, und vor allem auch in Richtung Gewaltprävention, bietet sich zudem die Broschüre “Stark - Aber wie?” an. Diese wurde zwar explizit für Jungenarbeit konzipiert und kann daher nicht 1:1 in gemischtgeschlechtlichen Klassen eingesetzt werden, enthält aber viele hilfreiche Anregungen. Neben Anmerkungen zum pädagogischen Einsatz sind in ihr auch zahlreiche Praxis-Übungen zu finden, mit denen vermittelte Rollenbilder (etwa in Medien und Werbung) aufgearbeitet und teils auch aufgebrochen werden können.
Zusätzliche Hintergrundinformationen erhalten Sie dazu auch in folgendem Podcast des Jugendrotkreuzes in einer eigenen Folge zu “Gewalt und Männlichkeit” mit dem Klinischen und Gesundheitspsychologen Romeo Bissuti, Obmann von “White Ribbon Österreich” und Mitautor der Broschüre:
Weiteres Material zu gendersensiblem Unterricht
Auch der Wiener Verein Poika stellt umfangreiches, kostenloses Material zur Unterstützung eines gendersensiblen Unterrichts bereit. Unter anderem ist hier die Broschüre “Schulische Bubenarbeit” zu finden, die neben Stundenbildern auch Hinweise zu Literatur und spezialisierten Einrichtungen enthält.
In Teil 2 der praktischen Anregungen beschäftigen wir uns näher mit der Frage, wie Sexismus, Misogynie und Anti-Feminismus im digitalen Raum gemeinsam mit Schüler:innen entgegnet werden kann.
