"Boys in the Digital Wild": Männlichkeit im Internet

Spätestens seit dem Erfolg der Serie “Adolescence” im letzten Jahr ist toxische Männlichkeit im Internet auch einer größeren Öffentlichkeit ein Begriff. Sehr kurz ausgedrückt geht es dabei um ein Rollenverständnis, das Aggressivität bis hin zu Gewaltverherrlichung gutheißt bzw. geradezu einfordert und von Frauen die bedingungslose Unterordnung verlangt.
In einer Reihe von Artikeln wollen wir uns mit diesem Phänomen aus verschiedenen Perspektiven beschäftigen - und an der ein oder anderen Stelle auch weiter in die Tiefe gehen. Den Auftakt macht die US-amerikanische Studie “Boys in the Digital Wild: Online Culture, Identity, and Well-Being” der NGO Common Sense. Diese hat für eine Untersuchung knapp über eintausend heranwachsende Burschen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren nach ihrem Rollenverständnis, ihren Beobachtungen im digitalen Raum und ihren Gefühlen/Meinungen darüber befragt.
Problematische Rollenverständnisse alltäglich
Die wichtigsten Beobachtungen vorneweg: Knapp Dreiviertel der Befragten kommen in Sozialen Medien oder Gaming Communities regelmäßig mit Inhalten in Kontakt, die ein spezielles, eingeschränktes, oft problematisches Bild von Männlichkeit propagieren. 69% der Jugendlichen berichten von Content, der Geschlechtsstereotype transportiert. Dies reicht dabei von sehr traditionellen Rollenbildern, wie sich ein Mann in dieser Gesellschaft angeblich zu verhalten habe, bis hin zu weitaus problematischeren Ansichten, bei denen es auch um die Herabwürdigung von anderen geht. Dazu gehören etwa Botschaften wie “Mädchen/Frauen wollen nur eine gewisse Art von Burschen/Männern daten”, “Mädchen/Frauen setzen ihr Aussehen ein, um zu bekommen, was sie wollen” oder auch “Burschen/Männer werden gegenüber Mädchen/Frauen unfair behandelt”.
Wenn auch kein zu vereinfachter Ursache-Wirkung-Zusammenhang gezogen werden sollte, so lässt sich doch festhalten: Besonders jene Jugendlichen, die entsprechenden Inhalten laut eigenen Angaben besonders stark ausgesetzt sind, zeigen geringeres Selbstvertrauen und berichten öfter, dass sie sich “manchmal nutzlos empfinden” oder denken, sie seien “zu nichts gut”. Viermal mehr Burschen in dieser Gruppe geben an, dass sie denken, “Gefühle zu zeigen würde mich schwach aussehen lassen”. Im Vergleich zu weniger stark diesen Inhalten ausgesetzten Jugendlichen erklären zudem mehr von ihnen, dass sie “verletzte Gefühle vor Freunden verbergen würden” und “Diskussionen über Gefühle eher vermeiden”. Zudem fühlen sich mehr Befragte aus diesem Segment einsam und meiden soziale Aktivitäten im realen Leben.
Die “ungeschriebenen Gesetze” der Männlichkeit
Fast die Hälfte der Burschen (46%) gibt an, dass es “besser ist, nicht zu weinen oder Traurigkeit und Angst zu zeigen”, wenn man als Mann von den anderen wegen eines sozial unerwünschten Rollenverhaltens nicht gehänselt werden will. Dies stellt damit die Top-Antwort bei den von der Studie als “Ungeschriebene Gesetze der Männlichkeit” bezeichneten Einstellungen dar, die sich um identitätsstiftende Rollenbilder drehen. “Nicht schwul oder weiblich wirken”, “immer selbstbewusst auftreten” und “so tun, als ob einen nichts sonderlich kümmern würde” folgen dabei auf den Plätzen.
Fast alle Burschen (91%) berichten davon, bei ihren Aktivitäten im digitalen Raum mit Inhalten konfrontiert zu werden, die an eine Optimierung des eigenen Körpers appellieren. “Muskulöser werden” ist dabei der am häufigsten erwähnte Content, weit vor “sich in einem gewissen Stil kleiden”, “körperlich groß sein”, “reine Haut haben” und “klar definierte Gesichtszüge zu haben”. Ein Viertel der männlichen Jugendlichen fühlt sich von Sozialen Medien unter Druck gesetzt, an ihrem Aussehen mehr zu arbeiten.
Interessant ist jedenfalls, dass über zwei Drittel der Burschen (68%) angaben, in Sozialen Medien nicht bewusst nach (auch) problematischen Inhalten, die stark Männlichkeitsbilder behandeln, gesucht zu haben, sondern sie “einfach in meiner Timeline aufgetaucht sind”. Rund einem Viertel wurde entsprechender Content von Freunden und Bekannten weitergeleitet.
Identitätsstiftender digitaler Raum
Dass ein gewichtiger Teil des Alltags der 11- bis 17-Jährigen mittlerweile zu großen Teilen im digitalen Raum stattfindet, ist bei der gesamten Fragestellung zudem auch noch zur Einordnung wichtig. 94% der Befragten sind täglich online, mit YouTube (77%) in klarer Führung vor TikTok (52%). 62% der Burschen spielen zudem Social Games (siehe dazu auch unseren letzten Artikel). Daher sind diese Aktivitäten auch stark identitätsstiftend: Jeweils über 50% gaben an, dass sie auf diesen Plattformen einen Platz hätten, an dem sie “dazugehören”, sie die Anwesenden akzeptieren oder sie dort sagen könnten, was sie “wirklich denken”.
Gleichzeitig kommen sie, gerade auch bei Online-Spielen, mit toxischem Verhalten in Kontakt: 70% berichten, dass sie Bullying oder Belästigungen wahrgenommen hätten, etwas mehr als die Hälfte auch von rassistischen, homophoben oder sexistischen Sprüchen oder Inhalten.
Extreme Positionen setzen sich durch
Eben jene zusehende Verschiebung der Freizeitaktivitäten in den digitalen Raum gibt dem Aufkommen von problematischen Männlichkeitsbildern noch einmal speziell Auftrieb. In der Aufmerksamkeitsökonomie der Sozialen Medien (siehe “Social Media und der Kampf um unsere Aufmerksamkeit”) setzen sich besonders schrille, emotionalisierende Inhalte besser und schneller durch, als ausgewogene und reflektierende.
Dadurch werden junge Burschen in ihrer Identitätsfindung sehr früh (und teils intensiv) mit Stimmen konfrontiert, die teils auch sehr extreme Positionen einnehmen. Oft kommen diese auch von Influencer:innen, deren Geschäftsmodell darin besteht, treue und beständige Follower:innen (sehr oft sehr männlich dominiert) an sich zu binden. Besonders gefährlich wird es meist dann, wenn diese virtuellen Rolemodels ohne Gegenpart in der realen Welt agieren können. Männliche Überlegenheits- bzw. Benachteiligungsfantasien hallen dann ebenso unwidersprochen aus und durch digitale Echokammern wie Ressentiments gegen Frauen und progressive Einstellungen bei Geschlechterrollen.
Bewusst streicht die Untersuchung aber auch hervor, dass Soziale Medien und auch die Gaming-Szene mit ihren Chats und Gruppenunterhaltungen nicht nur Risiken darstellen. Ebenso lassen sich in diesen Umgebungen auch die Möglichkeiten für Teamwork, Herausbilden von Freundschaften und gemeinsame Problemlösungen feststellen.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Um zu untersuchen, mit welchen, an die Geschlechtsidentität appellierenden Inhalten die Jugendlichen konfrontiert sind, wurden zwölf mit Männlichkeit verbundene Aussagen/Stereotype abgefragt bzw. Themenblöcke gebildet, von denen die letzten vier (hier auch kursiv) als besonders problematischer Content kategorisiert wurden, weil sie herabwürdigende Inhalte repräsentieren.
Im Folgenden die einzelnen Antwortmöglichkeiten mit Prozentangaben a.) aller, b.) der 11- bis 13-Jährigen und c.) der 14- bis 17-Jährigen. (Wichtig dabei: Die Zahlen geben nur an, wie viel Prozent der entsprechenden Jugendlichen mit derartigen Inhalten in Kontakt kamen/kommen, nicht wie viele dies selbst als wichtig/richtig erachten!)
- Geld machen, reich werden ist wichtig (44%, 35%, 51%)
- Sich fit halten, Muskeln aufbauen ist wichtig (39%, 28%, 47%)
- Inhalte übers Kämpfen, Waffen (35%, 34%, 36%)
- Männer/Burschen sollen Behüter und Beschützer sein (23%, 19%, 27%)
- Wie man beliebt wird (21%, 20%, 21%)
- Wetten oder Glücksspielaktivitäten (20%, 12%, 26%)
- Wie man seine mentale Gesundheit verbessert und mit seinen Emotionen klarkommt (19%, 13%, 24%)
- Dating- oder Beziehungstipps (17%, 12%, 21%)
- “Mädchen/Frauen daten nur eine gewisse Art von Typ Männern” (28%, 22%, 32%)
- “Mädchen/Frauen setzen ihr Aussehen ein, um zu bekommen, was sie wollen” (25%, 20%, 28%)
- “Mädchen/Frauen sollen sich auf Haushalt und ihre Familie konzentrieren” (12%, 9%, 14%)
- “Buben/Männer werden im Vergleich zu Mädchen/Frauen unfair behandelt” (12%, 9%, 14%)
Nach den Antworten wurden aus den Befragten zwei Gruppen gebildet, nämlich jene mit “digital masculinity exposure” (mit digitalen Männlichkeitsbildern konfrontiert) und “problematic digital masculinity exposure” (mit problematischen digitalen Männlichkeitsbildern konfrontiert) und dann verglichen, inwiefern sie sich in Ansichten, (abgefragten) Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen unterscheiden. Von den 69% der Burschen, die regelmäßig Content mit Männlichkeitsbildern ausgesetzt sind, sind wiederum 20% regelmäßig Inhalten mit besonders problematischen Ansichten (also den letzten vier und darüber hinaus) ausgesetzt.
Weniger selbstbewusst und mit dem Körper unzufrieden
Wie bereits oben erwähnt, wiesen Burschen, die im digitalen Raum zu einem hohen Ausmaß (auch problematischen) Inhalten über Männlichkeit ausgesetzt waren, signifikant weniger Selbstbewusstsein auf, als andere Befragte. So waren ihre bejahenden Antworten etwa bei Selbstbeschreibungen wie “Ich denke, ich verfüge über viele gute Eigenschaften”, “Ich habe eine positive Grundeinstellung mir selbst gegenüber” oder “Insgesamt bin ich mit mir ganz zufrieden” bedeutend niedriger. Dafür stimmten sie Antworten wie “Ich fühle mich von Zeit zu Zeit richtig nutzlos” oder “Insgesamt bin ich eine ziemliche Nullnummer (“failure”)” weit häufiger zu.
Deutlich macht sich dies auch bei der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Gegenüber der Vergleichsgruppe (13%) gaben 23% der Burschen mit intensiver Konfrontation mit digitalen Männlichkeitsbildern an, mit ihrem Aussehen nicht zufrieden zu sein. Sie fühlen sich zu einem höheren Ausmaß in der Schule oder in ihrem Privatleben zurückgewiesen und verfügen zudem auch über einen pessimistischeren Blick auf die Zukunft.
Soziales Auffangnetz wichtig
Um diesen Artikel nicht ebenso mit einem zu negativen Einblick enden zu lassen, hier noch ein wichtiger Hinweis aus der Studie: 92% der befragten Burschen verfügten im abgefragten Rahmen über ein durchschnittlich hohes Selbstbewusstsein, selbst wenn sie (mehr oder weniger) problematischen Männlichkeitsbildern im Internet ausgesetzt waren.
Wichtig sind dafür laut den Autor:innen vor allem auch enge und gute menschliche Kontakte außerhalb des digitalen Raums, die als Stützen zur Einordnung von dort Gesehenem/Erlebten - im Positiven wie auch Negativen - herangezogen werden können. Jene Burschen, die über zwei oder mehr Bezugspersonen im “realen Leben” verfügten, hatten signifikant höheres Selbstbewusstsein, berichteten über weniger Einsamkeit und zeigten mehr Resilienz gegenüber jenen Dingen, denen sie im Internet teilweise ausgesetzt waren.
Erwähnte Studien bzw. Reports
“Boys in the Digital Wild: Online Culture, Identity, and Well-Being” (Common Sense, 2025)
Tipp: Praxis-Ideen zu Geschlechtsstereotypen
Mit unseren beiden Praxis-Ideen Geschlechtsstereotype Medienheld:innen(PS) und Gender und Medien(Sek 1, Sek 2) kann gemeinsam mit Schüler:innen ein kritischer Zugang zu Geschlechterrollen und ihrer Präsentation in (Sozialen) Medien erarbeitet werden.