Dr. Smartphone: Wenn Social Media Pillen verschreibt

Medfluencer:innen und ihr großer Einfluss auf unser Gesundheitsempfinden

Berichte & Reportagen

Körperliche (aber auch seelische) Beschwerden führen nicht automatisch ins Wartezimmer einer darauf spezialisierten medizinischen Praxis: Wurde bis vor wenigen Jahren kurzentschlossen “Dr. Google” angeworfen, so übernehmen heute zusehends Medfluencer:innen in Sozialen Medien die Funktion als erste Anlaufstelle und beeinflussen damit nicht unerheblich das Gesundheitsempfinden von vielen Menschen. Sie ergänzen damit jene Influencer:innen, die sich dem #mentalhealth-Trend rund um alle psychischen Probleme verschrieben haben. Mehr Informationen zu positiven und negativen Auswirkungen in diesem Bereich finden Sie in diesem Artikel.

Wie steht es aber nun um den Einfluss von Medfluencer:innen, die sich vor allem körperlichen Beschwerden bzw. auch mehr oder weniger seriösen Tipps für ein gesundes Leben verschrieben haben? Eine Untersuchung von Forscher:innen des MCI und der Universität Wien hat ergeben, dass in Österreich 83% der 15- bis 25-Jährigen Gesundheitsinhalte von Influencer:innen in Sozialen Medien konsumieren. 45% haben aufgrund solcher Inhalte bereits bestimmte Nahrungsmittel gekauft, 31% Nahrungsergänzungsmittel, 13% sogar Medikamente und 11% medizinische Selbsttests. 

Besonders beachtenswert dabei der Gender Gap: Als weiblich identifizierten Accounts wurde doppelt sooft Medfluencer:innen-Content eingespielt und Frauen kauften mit 50% höherer Wahrscheinlichkeit empfohlene Produkte.

Parasoziale Beziehungen beflügeln Verkäufe

Gerade Medfluencer:innen profitieren laut der Untersuchung besonders vom Aufbau parasozialer Beziehungen, indem sie scheinbar besonders intime Einblicke in ihren Alltag geben und dann über Produkte sprechen, die sie bei einem gesunden Leben unterstützt hätten (siehe auch “Mein Freund, der Influencer” und Praxis-Idee “Influencer:innen: Sind das meine Freund:innen?” [PS, Sek 1]). Neben oft fehlender medizinischer Expertise der Influencer:innen machen die Forscher:innen bei den Ratschlägen vor allem Industrieeinflüsse, nicht deklarierte eigene unternehmerischen Interessen und persönliche, unbelegte Überzeugungen als größte Risiken für die Follower:innen von Gesundheits-Content fest.

Dass die Spannbreite bei Medfluencer:innen dabei von echtem Interesse an fachmedizinischer Aufklärung über “geschäftstüchtige” Irreführungen bis zu echt problematischer bzw. sogar gesundheitsgefährdender Desinformation reicht, zeigt diese Dokumentation des deutschen “Vollbild”-Rechercheteams:

Der Fall Alina Walbrun

Im deutschsprachigen Raum immer wieder für Aufregung sorgt die ebenso oben im Video erwähnte und interviewte Medfluencerin Alina Walbrun, die vor allem über ihre TikTok- und Instagram-Accounts gerne “medizinische Life-Hacks” teilt und ihre Follower:innen auf einer “Health Journey” begleitet. Nicht selten empfiehlt sie dabei auch Produkte ihrer eigenen Firma “Onegevity”. Für eine in Aussicht gestellte Kooperation mit dem Investigativ-Vlogger Marvin Windhage thematisierte sie erst kürzlich eine von ihm selbst erfundene Krankheit, die “postvirale nasale Hypersensibilität”, in einem ihrer Beiträge.

Um damit wohl ihre Glaubwürdigkeit zu stärken, führt sie im Profil auch ihr mittlerweile abgeschlossenes Medizinstudium an. Der Selbstzuschreibung “Doc Alina” war hingegen ein unbeständiges Leben auf ihrem Account beschieden und tauchte teils ebenso schnell auf, wie sie dann wieder verschwand. Dies hat auch durchaus einen ernsthaften Hintergrund: Denn approbierte (also zugelassene) Ärztin ist sie bis heute (Stand Oktober 2026) nicht. Als diese würde sie in Deutschland - ebenso wie in Österreich - nämlich strengen Richtlinien bezüglich Auftritten in der Öffentlichkeit unterliegen. Seit Anfang Oktober ermittelt nun auch die Staatsanwaltschaft München gegen die 28-Jährige (siehe unter anderem diesen Kurier-Artikel).

Was dürfen Ärzt:innen in Sozialen Medien?

Der Rahmen für medizinische Informationen an die Öffentlichkeit wird Ärzt:innen über eine Verordnung ihrer Standesvertretung abgesteckt. Untersagt ist darin etwa “jede unsachliche, unwahre oder das Ansehen der Ärzteschaft beeinträchtigende Information”, ebenso wie “die Werbung für Arzneimittel, Heilbehelfe und sonstige medizinische Produkte sowie für deren Hersteller und Vertreiber”. Lediglich aufklärende Information ist erlaubt, sofern sie nicht “wissenschaftlichen Erkenntnissen oder medizinischen Erfahrungen widerspricht”.

Unter letzteren Punkt würden wohl auch die von unter anderem Alina Walbrun vertretenen Selbstoptimierungshinweise fallen, mit denen die Follower:innen zum regelmäßigen Messen des Blutzuckerwerts animiert wurden. Dazu hielt die Deutsche Diabetes-Gesellschaft in einem ARD-Tagesschau-Beitrag fest: “Anlassloses Messen von Gewebezuckern bei Gesunden ist nicht indiziert und führt zu nichts. Es ist eine Form von Gesundheitswahn.”

Seriöse Medfluencer:innen erkennen

Eine Checklist zum Erkennen von vertrauenswürdigen Medfluencer:innen hat etwa die deutsche Stiftung Gesundheitswissen veröffentlicht, in der sich neben dem Auftreten unter vollem Namen auch Transparenz bezüglich der Qualifikation, Verzicht auf Werbung (selbst wenn sie sauber gekennzeichnet ist) und die Offenlegung der Quellen bei Meinungsäußerungen findet. Red Flags sind hingegen unter anderem überschwängliche Heilungsversprechen und das offensive Bewerben von Produkten.

Werden diese Grundregeln befolgt, so spricht nichts dagegen, sich Anregungen für die eigene Gesundheit auch in Sozialen Medien zu holen. Den Besuch und die Rücksprache in einer ärztlichen Praxis sollte dies aber nie ersetzen, schon gar nicht bei auftretenden Beschwerden.


Erwähnte Studien bzw. Reports:

Für diesen Artikel wurden folgende Studien bzw. Reports verwendet: