Iran - die positive Sprengkraft von Sozialen Medien

Wie moderne Technologien Proteste gegen autoritäre Regime befeuern

Iranische Flagge und im Vordergrund ein Symbol für Smartphone und Soziale Medien

Soziale Medien als Katalysator zur Verbreitung von Falschnachrichten, Desinformation und Verschwörungstheorien. Überbordend vor Selbstinszenierung, Selbstüberhöhung, vielen fragwürdigen und falschen Vorbildern und ein Hort der Geschäftemacherei (auch der großen Internetkonzerne). Die negativen Aspekte von Sozialen Medien sind schnell aufgezählt und ließen sich wohl noch länger fortsetzen. Oft wird dabei aber darauf vergessen, auch die positiven Effekte zu beleuchten. Deshalb wollen wir dies anhand des aktuellen Beispiels Iran kurz versuchen - und dabei auch Praxisideen für die Behandlung einiger Aspekte im Unterricht vorstellen.

Soziale Medien als Katalysator für Proteste 

Losgetreten durch den Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini Mitte September gehen in dem Land am persischen Golf seit Wochen immer wieder Menschen auf die Straße, um gegen das herrschende Regime mit seinen strengreligiösen Regeln und Gesetzen zu protestieren. Dabei verbinden sich verschiedene Anliegen - vom Kampf um Frauenrechte über grundlegende Menschen- und Freiheitsrechte bis hin zu sozialen Protesten - zusehends miteinander. Sowohl bei der Ausbreitung der Demonstrationen im Iran selbst wie auch der Verbreitung der Informationen darüber in anderen Ländern spielen Soziale Medien eine zentrale und nicht zu unterschätzende Rolle.

Egal ob auf TikTok, Twitter, Instagram und in eingeschränkter Form auch Facebook (siehe dazu auch weiter unten das eingebettete Video): Viele Plattformen sind seit Wochen voll mit Kurzberichten und -ausschnitten über Proteste, die vor allem durch ihre Kreativität und den Mut der handelnden Personen gekennzeichnet sind - und so auf zahlreiche Unterstützung in westlichen Ländern stießen. Zahlreiche persischsprachige Personen in Europa und den USA dienten dabei als Multiplikator:innen, die Einblicke in das sonst so vom globalen Informationsfluss abgeschnittene Land bieten.

Dies stand dabei oft auch im Gegensatz zu Artikeln der heimischen Medien, die sich bei der Berichterstattung stark auf die rein formal-politische Ebene beschränkten oder diese zumindest voranstellten (siehe etwa in den Artikeln hier, hier, hier oder hier). Die beeindruckendsten und in ihrer Masse überwältigenden Bilder und Videos über verschiedene Proteste wurden hingegen fast ausschließlich über Soziale Medien transportiert.

Sperren und Zensur werden umgangen - Hacker greifen ein

Speziell im Fall des Iran liegt dies unter anderem auch daran, dass die Arbeit für ausländische Korrespondent:innen in dem Land besonders schwierig ist und daher nur wenige westliche Journalist:innen direkt vor Ort berichten können. Soziale Medien sind dadurch für Iraner:innen eine der Möglichkeiten, auf ihre Situation - und auch ihre Proteste - aufmerksam zu machen. Als Folge davon wird der Zugang immer wieder vom Regime eingeschränkt, bzw. das Internet wie 2019 für gewisse Zeit gänzlich abgeschaltet. Allerdings lassen sich Einschränkungen auch immer irgendwie überwinden, wie auch die Angriffe auf das Regime durch Hacker:innen zeigen (siehe Standard-Artikel vom 9.10.2022). Internet-Totalblockaden wiederum sind in unserer globalisierten Welt immer schwerer auf Dauer durchzusetzen.

Eine gute Zusammenfassung über die Wirkkraft von Sozialen Medien bei Protesten mit sehr vielen positiven Beispielen aus dem Iran geben auch die beiden Influencer:innen Walerija und Aurora auf ihrem YouTube-Kanal “Brust raus” im Video “Wie du Frauen im Iran eine Stimme geben kannst”. Zudem werden darin aber auch die damit verbundenen Probleme sowie Unterstützungsmöglichkeiten aus anderen Ländern thematisiert:

Anmerkungen zum Video: Die im Video erwähnte Browsererweiterung “Snowflake” ist auch in Österreich nicht illegal und kann als Tool dienen, um Aktivist:innen in autoritären Regimen eine Stimme zu geben (siehe Standard-Artikel vom 24.9.2022). Die gezeigte Studie über Chile bezüglich dem Zusammenhang von sozialem Protest und Aktivität in Sozialen Medien ist hier zu erwerben (nicht kostenlos, in Englisch).

Anwendungen im Unterricht

Gerade wenn Soziale Medien bei gewissen Ereignissen die primäre und vielleicht auch einzige Informationsquelle sind, ist Medienanalyse besonders wichtig (dazu Praxisidee “Medienanalyse” [Sek1, Sek2] und/oder Praxisidee “Faktencheck” [Sek1, Sek2]). Im Bezug auf den Iran gehen dabei aus unserer Beobachtung viele der Multiplikator:innen sehr sorgsam mit dem Verbreiten ihrer erhaltenen Informationen um.

Zur Einschätzung von Quellen können folgende Fragen als Leitfaden dienen: 

  • Wie vertrauenswürdig ist die Multiplikator:in (etwa durch angegebene Sprach- und Landeskenntnisse, Offenlegung/Überprüfung ihrer Quellen, sorgsamen und offenen Umgang mit den Informationen)? Wird sie/er etwa auch durch als seriös einzuschätzende Journalist:innen geteilt oder beziehen sich diese auf sie/ihn?
  • Lässt sich das Material auch woanders finden oder legt die Multiplikator:in offen, warum nur sie dazu Zugang hat?
  • Versucht die Multiplikator:in auch Hintergrundwissen zu vermitteln und sich so zu einem Sprachrohr zu machen - oder geht es ihr/ihm darum, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen?
  • Weist das verbreitete Material irgendwelche erkennbaren Spuren von Manipulation auf oder wirkt es aus anderen Gründen unglaubwürdig?

Um das Thema Zensur bzw. Abdrehen von Internet im Unterricht zu behandeln, bietet sich unsere Praxisidee “Ein Tag ohne Internet” (PS, Sek1) an, mit der erarbeitet werden kann, welche Auswirkungen der plötzliche Ausfall auf unseren Alltag hätte. Mit der Praxisidee “Was ist hacken?” (Sek1, Sek2) kann Schüler:innen die neutrale Bedeutung des Begriffs nähergebracht werden. Die Problematik von Bearbeitung und Verfälschung von Videos kann schließlich mit der Praxisidee “Deep Fakes - täuschend echt?!” (Sek1, Sek2) thematisiert werden.



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