Medienheld:innen und die Frage des Glaubens

Wie religiöse "Sinnfluencer:innen" in Sozialen Medien auftreten.

Zwei Hände, die ein religiöses Buch und ein Smartphone umklammert halten

Unter der Kategorie “Sinnfluencer:innen” lassen sich all jene Influencer:innen zusammenfassen, die ihren Follower:innen eine erweiterte Erzählung über ihren eigenen persönlichen Wirkkreis hinaus zukommen lassen wollen, sich somit auch gesellschaftlich relevanten Problematiken widmen und dies auch langanhaltend tun. Gerade in Zeiten des Klimawandels beschäftigen sich Sinnfluencer:innen vielfach mit Umwelts- und Nachhaltigkeitsthemen aus allen möglichen Blickwinkeln (Mobilitätslösungen, plastikfreies Leben, “Fridays for Future” etc.).

Aber auch politische Themen werden von diesen immer wieder aufgegriffen - als stellvertretendes und vieldiskutiertes Beispiel kann hier im deutschsprachigen Raum etwa YouTuber Rezo mit seinem Video “Die Zerstörung der CDU” 2019 angeführt werden. Ebenfalls unter diesen Begriff fallen aber auch Influencer:innen, die sich verstärkt mit ihrem Glauben oder der Thematik der Religion gesamt auseinandersetzen. Mit diesen wollen wir uns hier in einem vertiefenden Überblick beschäftigen und sowohl einige Vertreter:innen als auch wissenschaftliche Untersuchungen vorstellen.

Papst als größter katholischer Influencer

Entgegen stark von evangelischen Freikirchen geprägten Ländern, wie etwa den USA oder auch Brasilien, war das Phänomen der christlichen Influencer:innen im deutschsprachigen Raum lange Zeit nicht besonders stark ausgeprägt. Dies gilt bei der katholischen und evangelischen Kirche sowohl für institutionelle Accounts, als auch für individuelle, von einzelnen Gläubigen betriebene. Als größter katholischer Influencer gilt etwa weiterhin Papst Franziskus, der auf seinem Instagram-Account immerhin knapp neun Millionen Follower:innen weltweit verzeichnet. Deutschsprachige Einzelaccounts mit überwiegend christlich-religiösem Content verfügen hingegen selten über mehr als ein paar tausend Follower:innen auf YouTube, Instagram, TikTok & Co.

In einem Artikel der “Zeitschrift für Religion und Weltanschauung” werden die Inhalte von christlichen Influencer:innen, die liberale bis zu konserativ/fundamentalistische Ansichten repräsentieren, dabei folgendermaßen zusammengefasst: “Die Fragen der christlichen Lebensführung sind bei vielen ein Dauerbrenner - etwa die Themen Sexualität und Beziehung, Kleidung und ‘modesty’, gern im Stil von Q&A-Posts (Frage/Antwort, Anm.): Darf ich Sex vor der Ehe haben? Ist gleichgeschlechtliche Liebe okay? Wie sollte sich eine Christin kleiden oder schminken? Bei anderen Accounts geht es hingegen stärker um religiöse Praxis, etwa ums Bibellesen und -teilen, um das teilweise populäre ‘Bible lettering’ (künstlerische Umsetzung von Bibelversen, Anm.) oder um Gebetspraktiken und -routinen.”

Einen Eindruck der Inhalte und deren thematisch sehr weiten Spannbreite vor allem bei evangelischen Influencer:innen erhalten Sie etwa auf den Instagram-Accounts von @theresaliebt, @seligkeitsdinge, @ja.und.amen und @andersamen. Stellvertretend für den katholischen Glauben können die Kanäle von @kira_beer, @faithpwr (mit ökumenischen Anspruch) oder etwa auch @shapinghistory stehen, deren österreichische Betreiberin Bernadette Lang durch ihre “Jungfrauenweihe” vergangenen August auch für größeres mediales Echo (Heute-Artikel, Standard-Artikel) sorgte.

Dies deutet auch bereits einen Aspekt bei der Betrachtung von religiösen Influencer:innen an: Größeres Echo abseits von eigenen Bubbles in Sozialen Medien rufen vor allem radikalere Lebensentwürfe hervor. Wie auch etwa folgendes Video über die Sinnfluencerin @li.marie zeigt (Triggerwarnung: Im Video kommt es gegen Ende zu trans- und homofeindlichen Aussagen, die aber von dem Moderator angesprochen und eingeordnet werden):

Corona-Pandemie als Katalysator

In den Jahren der Corona-Pandemie ist durchaus ein Anstieg sowohl der Nachfrage wie auch des Angebots bezüglich christlicher bzw. seelsorgerischer Inhalte in Sozialen Medien zu beobachten gewesen, wie mehrere Studien aus dem evangelischen Bereich nahelegen. Zumindest im institutionellen Bereich wird daher auch von einem “Digitalisierungsschub” bei den Kirchen in den letzten Jahren gesprochen, wenn es etwa um digitale Andachten, Gottesdienste etc. geht. Inwiefern dies auch für einzelne Sinnfluencer:innen gilt, lässt sich allerdings - soweit uns bekannt - nicht abschätzen.

Interessante Ergebnisse bezüglich der Follower:innen von einzelnen christlichen Influencer:innen in Deutschland lieferte eine erst kürzlich durchgeführte wissenschaftliche Untersuchung: Laut deren Ergebnissen folgen Sinnfluencer:innen überwiegend weibliche User:innen, die den Kirchen bereits hoch verbunden sind. Bisher wenig religiöse Menschen werden hingegen fast gar nicht durch deren Inhalte erreicht. Eine kompakte Zusammenfassung der Studienergebnisse finden Sie unter anderem auch unter diesem Link.

Islam abseits der Radikalität

Wie muslimische Influencer:innen in Sozialen Medien auftreten, ist in diesem Beitrag auf dem Blog des interdisziplinären Forschungszentrum Religion and Transformation in Contemporary Society (RaT) an der Uni Wien nachzulesen. Besonderes Augenmerk wird hierbei vor allem auf Mode- und Lifestyle-Kanäle islamischer Prägung gelegt, die sich thematisch kaum von jenen der obengenannten christlichen Sinnfluencer:innen unterscheiden. Als anschauliche europäische Beispiele werden in diesem Artikel etwa die Vloggerin Chinutay A., die Instagram-Kanäle @khaoulaboumeshuli und @madmoisellememe genauer besprochen.

Bezüglich Islam waren in den letzten Jahren allerdings viel stärker jene Influencer:innen im Fokus, die eine fundamentalistische Auslegung ihrer Religion vertraten. Gerade zu Hochzeiten der Terrororganisation Islamischer Staat sorgte dies immer wieder für Aufregung und Besorgnis, auch an Schulen. Welche bzw. eine wie starke Rolle Religion und Religiosität beim Radikalisierungsprozess spielt, ist noch immer Teil von wissenschaftlichen Untersuchungen. Ein groß angelegtes Projekt fand hierzu etwa an den Universitäten Osnabrück und Bielefeld statt, das in mehreren Podcasts und einer praxisorientierten Handreichung mündete. Für Österreich finden Sie unter diesem Link Informationen des Fonds zur Dokumentation von religiös motivierten politischen Extremismus. Zudem gibt dieser Artikel auch einen sehr guten Überblick über Fundamentalismus in den verschiedenen Religionen.

Auf satirische Art und Weise setzen sich mit den “Datteltätern” muslimische YouTuber:innen immer wieder sehr gut mit Fremd- und Eigenbildern sowie Stereotypen/Vorurteilen, aber auch Fundamentalismus auseinander:

Jüdische Influencerin und buddhistische Versatzstücke

Sind mit dem Christentum und dem Islam zwar die beiden größten Religionsgruppen Österreichs abgedeckt, so wollen wir zum Abschluss noch kurz Vertreter:innen anderer Glaubensbekenntnisse in den Sozialen Medien bzw. Hintergrundinformationen dazu vorstellen: Die deutsche Sinnfluencer:in Tanya Raab beschäftigt sich auf ihrem Instagram-Account mit ihrem jüdischen Glauben und kämpft dabei auch gegen bestehenden Antisemitismus. Bezüglich Follower:innen bewegt sie sich dabei in ähnlichen Größenordnungen wie die oben angeführten christlichen Accounts.

Nur Versatzstücke des Buddhismus wie etwa Meditation, Yoga und Achtsamkeit finden sich hingegen bei mehr oder weniger religiös auftretenden deutschsprachigen Influencer:innen, wie diese 15-minütige Radiosendung des Deutschlandfunk gut zusammenfasst.



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